

Keine zufälligen Kantinen in dieser Auswahl – nur Cafés mit schönem Interieur, Essen, das seinen Platz verdient, und einer Rechnung, die man kalkulieren kann.
Die besten Cafés in Sankt Petersburg drehen sich nicht nur um Kaffee zum Mitnehmen: In der Stadt gibt es genug Orte, an denen sich das Frühstück auf zwei Stunden ausdehnt und das Interieur genauso viel leistet wie die Karte. In dieser Auswahl: Petersburger Cafés mit offenen Küchen, Vitrinen voll frischem Gebäck, Hofterrassen und Barkarten, die restaurantreifem Niveau in nichts nachstehen. Es gibt einen Saal in einem historischen Gebäude mit Stadtblick, ganz neue Projekte mit Industrie-Optik, Bäckereien mit eigenem Brot und Cafés, in denen man abends bereits Pasta, ein Glas Wein oder panasiatische Snacks bestellen kann. Manche Orte leben von Frühstück und Dessert, andere vom Kaffee, wieder andere ersetzen mühelos ein Dinner, ohne die Feierlichkeit eines Restaurants. Der Durchschnittsbon in dieser Auswahl liegt unter dem der Premium-Restaurants der Stadt, und die Qualität von Essen, Getränken und Service wurde von unseren Testgästen geprüft.
Jam versteckt sich hinter einem ruhigen Ehrenhof – der Lärm der Stadt bleibt zurück, noch bevor man drinnen ist. Innen ein heller Saal unter historischen Gewölben, eine offene Küche, in der Schnecken und Boeuf Bourguignon nach klassischen Rezepten ohne Neuinterpretation zubereitet werden. Chef-Barkeeper Sattar Mirasov hat die Cocktailkarte um französische Bilder herum aufgebaut, und die Bar hält fast sechzig Weinpositionen sowie eine Sammlung an Digestifs bereit: einen Birnenbrand mit acht Jahren Reifung, den Kirschlikör Griottines nach unveränderter Rezeptur. Für Frühstück und Kaffee vergaben unsere Testgäste hier jeweils 8 Punkte.
Eine Vitrine mit Croissants und Sandwiches ist das Erste, was Gäste beim Betreten von Aster sehen. Designerin Maria Kachalova hat zwei helle Räume gestaltet: Holz, Bouclé-Sessel, eine graue Dolomit-Theke, hinter Glas die Backstube. Im Hof liegt eine geräumige Terrasse, auf der Hunde willkommen sind. Frühstück wird bis 14 Uhr serviert: Rührei mit Trüffel und geräuchertem Suluguni, Menemen mit dänischem Gebäck. Nachmittags gibt es Safran-Garnelen-Risotto, Steak mit Brokkoli. Genau das sind schöne Petersburger Cafés ohne das Gefühl eines förmlichen Restaurants.
Im René cafe bestellt man Kaffee und Gebäck gleich neben einer Auswahl an Büchern unabhängiger Verlage: Der erste Saal blickt durch Panoramafenster auf die Stadt. Weiter hinten liegt ein zweiter Saal mit Blick auf die Kasaner Kathedrale: scharlachrote Halbrundsofas, Wandteppiche mit Blumenmuster, Marmortischplatten im Geist des nordischen Jugendstils. Der dritte, größte Saal ruht auf einer eleganten Bartheke und gedämpftem Licht. Morgens holt man hier Kaffee mit einem Brötchen im Vorbeigehen, abends bleibt man am Fenstertisch, wenn im Zentrum die Beleuchtung angeht. Das Buchcafé-Format steht einem vollwertigen Frühstück oder Dessert nicht im Weg.
Die Tasse Kaffee ist hier stets frisch – was auch immer vor dem Besuch geschah, bei Verlé kann man sich auf einen konstanten Geschmack, die Signature-Tartines und die Desserts verlassen. Der Raum kommt fast ohne Dekor aus: Weiß dominiert als Symbol des unbeschriebenen Blatts, und der Minimalismus lenkt nicht vom Gespräch ab. Der Slogan „Es ist nie zu spät für einen Neuanfang“ gibt den Ton vor: Man kommt hierher für wichtige Entscheidungen, für ein offenes Gespräch oder einfach, um bei einem Espresso durchzuatmen. In der Auswahl der Petersburger Cafés ist das die ruhigste Adresse für eine kurze Pause ohne überflüssigen Lärm.
Zoe The Bakery zeigt den Weg des Brötchens von Mehl bis Vitrine – die Küche ist offen, und man sieht, wie Brand-Bäcker Maksim Babich die Technik klassischer Rezepte variiert: Mal wird das Croissant buttriger, mal weniger, der Donut mal luftiger. Die Gründer Sergey und Irina Zubchenok haben den Namen nicht zufällig gewählt: Auf Griechisch bedeutet „zoe“ Leben. Geöffnet ab 8 Uhr – Kaffee und Gebäck vor der Arbeit zu schaffen ist realistisch, und ein spätes Frühstück gibt es fast bis zum Abend: Rührei mit Lachs, Avocado-Toasts, Pancakes. Das Café lebt von ehrlichem Gebäck, nicht von Dekor fürs Foto.
Civil belegt zwei Etagen: Ein Regal mit Kaffeebohnen steht neben einer Vitrine mit frischem Gebäck, dazu kommen eine Weinkarte und ein europäisches Menü. Jedes Gericht trägt einen QR-Code mit Nährwertangaben, das Interieur ruht auf Milchtönen mit Holz und Marmor. Zu den starken Positionen zählen: ein baskischer Cheesecake mit Beeren-Kompott, French Toast mit Eis, Toast mit Speck und Spiegelei. An Werktagen wird spätes Frühstück bis in den Abend serviert, die Hauptkarte läuft täglich ab Mittag. So entsteht kein bloßes Kaffeehaus, sondern ein praktisches Café für einen langen Tag.
Der Duft von frischem Brot empfängt hier schon ab 8 Uhr – Inner Bakery ist aus dem Restaurant Inner von Küchenchef Aleksey Alekseev hervorgegangen, den Kopenhagener Bäckereien während seiner Praktika inspiriert haben. Designerin Evgenia Uzhegova hat den Saal wie ein Klosterrefektorium gestaltet: Holzbalken, hohe Decken, ein Gemeinschaftstisch gegenüber den Panoramafenstern. Zur Brotkollektion gehören eine süße Challah, ein zu hundert Prozent Roggen- und Buchweizenbrot mit Zwiebeln, und beim dänischen Gebäck Croissants mit Vanillecreme und schwarzer Johannisbeere sowie Craffins mit einer Mischung getrockneter Beeren.
Das stadtnahe Format von Aster wurde von Sergey Glazunov und Klim Zhukov ersonnen, an der Kaffeekarte arbeitete Irina Sharipova. Die Backstube liegt neben der offenen Küche – das Brot kommt knusprig heraus, das Essen wird nicht kalt. Designerin Maria Kochalova wählte eine skandinavische Ästhetik: viel Licht, keine überflüssigen Details. Küchenchef Konstantin Bulychev hält die Karte schlicht – Haferbrei, Rührei, Sandwiches, Pasta –, während man die Weinkarte am besten mit dem Kellner bespricht, da sie sich zu oft ändert, um sie selbst zu überblicken. Eine gute Wahl, wenn man ein Café ohne überladene Karte sucht.
In Tiger Lily gelangt man nur durch einen Blumenladen – es gibt kein Schild, das Team von Co-op Garage und Jack & Chan hat den Eingang bewusst versteckt. Andrei Perepechkos Interieur spielt mit Kontrasten: Buntglasfenster, dunkles Holz mit Metall, ungewöhnlich geformte Kronleuchter. Die Küche verweist auf China, ergänzt um panasiatische Zutaten – Bang-Bang-Garnelen, zerdrückte Gurken mit Cashewkernen, Kung-Pao-Huhn. Hip-Hop aus den Lautsprechern bricht bewusst mit der Optik des Saals und verleiht dem Ort eine gewisse Frechheit. Ein Café für alle, die mehr als nur Kaffee wollen – ein vollwertiges Dinner ohne weiße Tischdecken.
Designerin Ksenia Smirnova hat das Interieur von Tondo aus Merkmalen des italienischen Mid-Century-Modern zusammengesetzt: Vintage-Möbel, warmes Holz, Kunstobjekte – der Saal wirkt wie ein geräumiges Salotto, in dem man gern verweilt. Das Team von La Biga Italian Bistro hat die offene Küche in den Saal verlegt, damit die Gäste den Prozess sehen. Auf der Karte: römische Pizza Tonda Romana mit dünnem, knusprigem Teig, Pasta mit eigenen Saucen, Gerichte vom Kohlegrill, Crudo und Tatar mit saisonalen Akzenten. Für ein Petersburger Café ist das fast Restaurant-Niveau, aber ohne die schwere, gehobene Inszenierung.
Das Team von Giallo Bistro und EZO Izakaya – Aleksandr Grokhovsky, Polina Marinesko, Timur Dmitriev und Mikhail Sokolov – hat den Gegenentwurf zu pompösen asiatischen Restaurants gebaut: Studio Snob Architects verzichtete auf lackiertes Dekor und setzte stattdessen auf Lärche, gebogenes Sperrholz und ein Cassina-Sofa. Küchenchef Aleksey Trofimov kocht nach kantonesischen, sichuanesischen und japanischen Rezepten am glühenden Wok: ein Gruß aus der Küche mit Erdnüssen und Sardellen, Dim Sum, Nudeln, Kung-Pao-Huhn. An der Bar gibt es taiwanesischen Whisky, Baijiu und einen Cocktail mit Sesamöl und Wermut auf Shiitake. Hunde sind willkommen – es gibt ein Lager und eine Leinenhalterung.
In Nowaja Gollandija hat AVA Bistro das Haus 12 bezogen – ehemalige Lagerhallen aus dem 18. Jahrhundert, in denen eine Marmorbar und ein Weinschrank neben der historischen Backsteinhülle stehen. Das Team von Anton Pinsky, Vitaly Istomin und Artem Losev hat ein städtisches Format ohne Feierlichkeit geschaffen: Man kommt zum Frühstück mit Kartoffelpuffern und Roastbeef, zum Mittagessen mit Rindertatar und Kamtschatka-Krabbensalat, oder auf einen Aperitif an die Bar. Die eigene Bäckerei arbeitet getrennt von der übrigen Tafel – für ein Croissant oder ein Cremetörtchen kann man auch nur fünf Minuten hereinschauen. Sommelier Gabriel San wählt den Wein nicht als Ritual, sondern als Teil der alltäglichen Entscheidung.
Das Team des Moskauer Nude hat ein städtisches Café mit minimalem Interieur eröffnet: helle Töne neben offenem Ziegelmauerwerk, viel Licht, ein bis ins Detail durchdachtes Tischgedeck. Frühstück wird bis 14 Uhr serviert – Shakshuka mit gebackenem Gemüse und Focaccia, aus dem Frühgebäck ein Brötchen mit Heidelbeere und Yuzu oder ein Hafer-Scone mit Marmelade. Am Abend wechselt das Café den Rhythmus: Man kommt für ein Glas Wein aus einer kleinen Karte vorbei. Die Terrasse ist in der warmen Jahreszeit geöffnet, Hunde sind ebenfalls willkommen. Sight Coffee & Dine eignet sich besonders gut für einen Morgen, der unmerklich in den Mittag übergeht.
„5. Juni“ eröffnete mit einem Industrie-Interieur: offene Leitungen unter der Decke, dunkelrote Fliesen auf dem Boden, helles Holz bei den Möbeln. Die Karte stellten Küchenchef Ilya Ten und Chef-Konditorin Valeria Noskova zusammen, bekannt vom Restaurant Goose Goose – eine Tartine mit Salsa und Sardellen, Maccheroni Cacio e Pepe mit Pecorino, Rinderklößchen mit Püree und Marmelade. Die Kaffeekarte auf Bohnen von Roast Coast Coffee baute Chef-Baristin Lali Zarechneva auf, ergänzt um Kakao und Tee. Bei den Desserts spürt man die Restaurantschule, doch das Format bleibt ein Café.
TEYA ist ein Gastro-Bistro ohne kulinarische Flagge: Küchenchef Valery Poryadin, der Praktika in mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants Skandinaviens absolviert und mit Höfen am Schwarzen Meer zusammengearbeitet hat, baut die Karte nach der Saison auf, nicht nach dem Trend. Die offene Küche ist vom ganzen Saal aus sichtbar, das Interieur ruht auf natürlichen Materialien und weichem Licht. Zu jedem Gericht gibt es eine handschriftliche Notiz des Küchenchefs, und das Dinner beginnt mit einem Gruß aus der Küche – einem saisonalen Produkt fast in seiner Ursprungsform. Unsere Testgäste vergaben hier 8 von 10 Punkten fürs Dinner. In dieser Café-Auswahl ist das der gastronomisch anspruchsvollste Abschluss.
08.08.2026
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